Emma Adler CHRONIC INFLAMMATION

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EMMA ADLER
Chronic Inflammation

Opening during DC OPEN 2026:
Friday, September 4th, 6-9 PM
Saturday, September 5th, 1-7 PM
Sunday, September 6th, 1-5 PM

Was bedeutet Wahrheit in einer Zeit, in der Bilder und Erzählungen nicht mehr belegen, was geschehen ist, sondern bestimmen, was als Wirklichkeit gelten soll – in der Wiederholung Beweise ersetzt, Affekt zum Argument wird und politische Macht darüber entscheidet, wem geglaubt wird?

Emma Adlers Ausstellung CHRONIC INFLAMMATION beschreibt eine Gesellschaft im Zustand chronischer Entzündung. Was als Schutzreaktion beginnt, greift schließlich den eigenen Organismus an. Polarisierung, mediale Erregung und konkurrierende Wahrheitsansprüche verselbstständigen sich. Offensichtliche Lügen können dabei eine fast religiöse Anziehungskraft entfalten und zu Loyalitätstests werden: Wer sie wiederholt, demonstriert vor allem Zugehörigkeit.

Adlers neue Werkserie fragt, wie gesellschaftliche Wahrheiten über weibliche Körper hergestellt, in sie eingeschrieben und durch sie legitimiert werden. Misogynie ist kein Nebeneffekt autoritärer Systeme, sondern eines ihrer tragenden Prinzipien – eine Verbindung, die Silvia Federici besonders eindringlich herausgearbeitet hat. Die Kontrolle über Frauen, Sexualität, Reproduktion und Familie wird dabei zum Sinnbild einer vermeintlich natürlichen Ordnung. Wer festlegt, wem geglaubt wird und wer als hysterisch, irrational oder übertrieben gilt, bestimmt zugleich, welche Erfahrungen als Wirklichkeit anerkannt werden. Glaubwürdigkeit ist historisch ungleich verteilt: Im Privaten zeigt sich dies in Gaslighting, Victim Blaming und der Pathologisierung weiblicher Wut.

Feuer bildet in CHRONIC INFLAMMATION die Schnittstelle, an der diese Prozesse sichtbar werden. Es wärmt und erhellt, schützt und zerstört; es erscheint als Scheiterhaufen und Brandanschlag, als Brandmauer, Erleuchtung, Entzündung und politische Wut. In Gottesurteilen und Hexenprozessen wurde Wahrheit nicht argumentiert, sondern öffentlich demonstriert. Wie Federici und Lyndal Roper in ihren Forschungen zeigen, dienten die Scheiterhaufen der europäischen Hexenverfolgungen nicht allein der Hinrichtung, sondern auch als Spektakel sozialer Disziplinierung. Beide führen vor Augen, welches Wissen, welche Körper und welche Formen weiblicher Selbstbestimmung als bedrohlich galten. Der Buchdruck beschleunigte mit Schriften wie dem „Hexenhammer“ die massenhafte Verbreitung entsprechender Feindbilder. Heute übernehmen digitale Plattformen und generative Bildtechnologien eine vergleichbare Funktion. Sie reproduzieren tradierte Vorstellungen von Geschlecht, Körper und gesellschaftlicher Ordnung und verleihen ihnen den Anschein technischer Neutralität. Digitale Bilder spiegeln Vorurteile nicht nur, sondern bestimmen mit, was sichtbar, glaubwürdig und vorstellbar wird.

Feuer steht bei Adler jedoch nicht nur für Verfolgung, sondern auch für Widerstand. Als Frauen es selbst als politische Praxis einsetzten, etwa in militanten Aktionen der Suffragetten, wurde ihr Handeln häufig nicht als Politik, sondern als Hysterie oder Wahnsinn gedeutet. Auch hier entschied die gesellschaftliche Zuschreibung darüber, wessen Wut als legitimer Protest gelten durfte.

Emma Adler verbindet religiöse Wahrheitsproduktion, patriarchale Ordnung, Propaganda und digitale Desinformation, ohne ihre historischen Unterschiede einzuebnen. CHRONIC INFLAMMATION fragt, wer Wirklichkeit definieren darf, wessen Erfahrungen als glaubwürdig gelten und wie Bilder, Feuer und Geschlecht Machtverhältnisse festigen oder erschüttern. Gerade jetzt ist diese Auseinandersetzung unverzichtbar. Denn Gewalt beginnt nicht erst mit ihrer Ausübung. Sie beginnt dort, wo sie sprachlich vorbereitet, bildlich normalisiert und schließlich als notwendige Ordnung akzeptiert wird.

Teresa Retzer

© 2025 Petra Martinetz. Alle Rechte vorbehalten. 

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