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Janis Löhrer
OUTDOOR
13.5. - 20.6.2026
Artist Talk
Donnerstag, 18. Juni 2026, 19 Uhr
Janis Löhrer im Gespräch mit Jennifer Braun

Nach seiner Ausstellung im Keller der Galerie Martinetz Anfang des Jahres zeigt Janis Löhrer nun neue Arbeiten in den eigentlichen Räumen der Galerie. Outdoor präsentiert Objekte, die uns tagtäglich in der Stadt begegnen – Mülleimer, weggeworfene Taschentücher, verwaiste Kleidungsstücke, Abflussgitter, Pissoirs, Parkbänke. Diese Versatzstücke aus dem (halb-)öffentlichen Raum, die Löhrer in glasierter Keramik nachgebildet hat, verweisen auf Orte im urbanen Raum, die meist wenig Beachtung und Wertschätzung finden, häufig eher ungepflegt sind, die als Alternative zur größtenteils sterilen Stadtlandschaft aber gleichzeitig wichtige Begegnungsräume für queere Communities darstellen – Orte, an denen Begehren und Intimität außerhalb der klassisch-heterosexuellen Konventionen einen geschützten Raum finden und ausgelebt werden können.
Löhrers Keramikskulpturen ergründen, wie diese Räume gestaltet, „modelliert“ sind, und versuchen, die Ästhetik dieser Orte durch sorgfältig ausgewählte Elemente und Details zu fassen und abzubilden. Das wird bereits mit der ersten Arbeit, der man beim Betreten der Galerie begegnet, deutlich. Es handelt sich um einen Abfalleimer, wie er häufig im Außenraum anzutreffen ist, über und über gefüllt mit Toilettenpapier und Taschentüchern, sodass einiges sogar auf dem Boden gelandet ist. Was zunächst als wertloser Müll anmutet, kann gleichsam als ein Angebot interpretiert werden, gerade denjenigen Dingen Aufmerksamkeit zuzuwenden, die uns täglich begegnen und die auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, und zu sehen, wovon sie erzählen. Sowohl Toilettenpapier als auch Taschentücher sind Gegenstände, die unmittelbare Berührungen mit dem menschlichen Körper erfahren, indem sie zum Aufnehmen von Flüssigkeiten wie Tränen, Nasensekreten, Urin oder Spermien verwendet werden. Auf diese Weise wird der Mülleimer zu einem Behälter für Relikte menschlicher Identitäten, ihrer Handlungen und Emotionen.
Im Hauptraum der Galerie stehen zwei Parkbänke im Stil der Brüsseler Art nouveau Rücken an Rücken wie auf einem öffentlichen Platz. Verwitterung und täglicher Gebrauch haben deutliche Spuren hinterlassen: Die Sitzflächen und Rückenlehnen sind von Rost befallen, Moose überwuchern stellenweise die silbernen Oberflächen und zerknülltes Papier und Taschentücher liegen auch hier verstreut umher. Unter den Bänken finden sich außerdem eine Rose, die bereits einige ihrer Blätter verloren hat, und ein Crackblech. In dieser Konstellation, die an das Anfangskapitel von William S. Burroughs legendären Roman Queer erinnert, zeigt sich geradezu dionysisch, wie nah Lust und Abhängigkeit, Liebe und Schmerz beieinander liegen und was von Euphorie und Rausch zurückbleibt.
Im dahinterliegenden Bereich hat der Künstler das Setting einer Männertoilette inszeniert. Die vier in gleichem Abstand nebeneinander aufgereihten Urinale rekurrieren auf Metallpissoirs, wie sie vor allem an Autobahnraststätten zu finden sind. Nicht nur werfen die Pissoirs die Frage auf, wie Männlichkeit – ausgehend von Judith Butlers Gender Trouble (1990) – an pragmatisch gedachten Orten wie diesen performt wird, gendertypische Verhaltensweisen reproduziert und internalisiert werden, auch sind Rastplätze ein beliebter Treffpunkt für cruisinginteressierte schwule oder bisexuelle, häufig ungeoutete Männer, die dort potenzielle Sexualpartner finden und heimlich und anonym ihren Neigungen nachgehen können.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Taschentücher, die zwischen den Abflussgittern hängen, und die Gegenstände, die an unterschiedlichen Stellen verteilt in der Galerie zu finden sind, wie die rosa Cap und der schwarze Sneaker, als Attribute dieser queeren Szene und Zeugnisse der Cruisingkultur lesen. Die Gitter, ebenso wie die Pissoirs vermitteln dabei als Schwellen- bzw. Übergangsorte zwischen Innen und Außen und erweitern den (Imaginations-)Raum.
Im „Hinterzimmer“ schließt sich die Klammer, indem weitere Variationen des eingangs ausgestellten Mülleimers zu sehen sind. Auch sie quillen zum Teil über vor Toilettenpapier und Taschentüchern, während der abgedunkelte Raum, in blaues Neonlicht und Technosound gehüllt, ein kleines Berghain, den Berliner Kultclub schlechthin, heraufbeschwört, und die Grenzen, was Innen und was Außen ist, vollständig aufweichen. Hier wird deutlich, dass der Titel der Ausstellung – Outdoor – möglicherweise mehr auf ein „draußen“ im Sinne von „außerhalb heteronormativer Räume“ verweist.
Janis Löhrers Objekte und Installationen nehmen die Betrachtenden mit zu Orten des Cruisings. Indem die menschlichen Akteur*innen, die die Gegenstände vergessen oder zurückgelassen haben, fehlen, laden die Arbeiten dazu ein, diese Leerstelle mit der eigenen Imagination zu füllen. Automatisch beginnt man, über Ereignisse und Geschehnisse, die sich auf den Parkbänken oder der Männertoilette zugetragen haben könnten, nachzudenken. Gleichzeitig schwingt in dem endzeitlichen Szenario, das die Hinterlassenschaften und zerlebten Orte schaffen, ebenso wie in der fragilen Materialität der Keramiken aber auch die Frage nach, ob bzw. warum Räume wie diese, in denen queere Communities einen Safe Space finden, heute immer noch gebraucht werden?
Gian Marco Hölk

Janis Löhrer, Dirty Trainer (3), glazed ceramic, 2026, Photo: Guido Löhrer
Janis Löhrer
OUTDOOR
May 13th - June 20th 2026
Artist Talk
Thursday, June 18th 2026, 7PM
Janis Löhrer in conversation with Jennifer Braun
Following his exhibition in the basement of Galerie Martinetz earlier this year, Janis Löhrer is now unveiling new works across the gallery’s main exhibition spaces. OUTDOOR brings together objects we encounter every day in the city – trash cans, discarded tissues, abandoned clothing, drain grates, urinals, park benches. These set pieces from (semi-)public spaces, which Löhrer has recreated in glazed ceramic, reference places in the urban landscape that typically receive little attention or appreciation, and are often neglected, yet function as an alternative to the predominantly sterile cityscape while also representing vital spaces for queer communities –areas where desire and intimacy beyond traditional heterosexual norms can find a safe space and be fully expressed.
Löhrer’s ceramic sculptures explore how these spaces are designed and “shaped,” seeking to capture their aesthetic through carefully selected elements and details. This is evident from the first piece encountered when entering the gallery: a trash can, similar to those found outdoors, overflowing with toilet paper and tissues, some of which have spilt onto the floor. What initially appears to be mere rubbish can be interpreted as an invitation to pay attention to everyday encountered objects that seem insignificant at first glance and to see what stories they tell. Both toilet paper and tissues are items that come into direct contact with the human body, as they are used to absorb fluids such as tears, nasal secretions, urine or semen. In this way, the bin becomes a receptacle for relics of human identities, their actions and emotions.
In the gallery’s main room, two Brussels Art Nouveau-style park benches stand back-to-back, resembling a public square. Exposure and daily wear have left visible signs: rusted seats and backs, in places moss has grown over the silver surfaces, and scattered crumpled paper and tissues. Beneath the benches, a rose with some petals missing and a tin foil lie. This scene, echoing the opening of William S. Burroughs’ *Queer*, powerfully illustrates how love and desire, lust and addiction, are deeply connected, revealing what remains of euphoria and intoxication.
Toward the rear of the space, the artist has recreated a men’s restroom setting. Four urinals, evenly spaced and lined up side by side, resemble those typically seen at highway rest stops. These urinals prompt questions about how masculinity—drawing on Judith Butler’s *Gender Trouble* (1990)—is performed in such pragmatic spaces, and how gender-typical behaviours are reproduced and internalised. Rest stops also serve as popular meeting spots for gay or bisexual men interested in cruising, often those not yet openly out, who seek potential sexual partners and wish to explore their inclinations secretly and anonymously.
Against this backdrop, the tissues hanging between the drain grates and the objects scattered throughout the gallery—such as the pink cap and the black sneaker—can be read as attributes of this queer scene and as evidence of cruising culture. The grates, along with the urinals, function as thresholds or transitional spaces between inside and outside, thereby expanding the (imaginary) space.

In the “back room,” the narrative comes full circle with more variations of the trash can near the entrance. They are also partly overflowing with paper and tissues. The dimly lit room, bathed in blue neon light and techno music, evokes a miniature Berghain—Berlin’s iconic club—and blurs the line between inside and outside. It becomes clear that the exhibition’s title—Outdoor—may refer more to an “outside” in the sense of “outside heteronormative spaces.”
Janis Löhrer’s objects and installations transport viewers to cruising spots. With the human figures who forgot or left these objects behind absent, the works invite viewers to fill the void with their own imagination. One automatically begins to think about events and occurrences that might have taken place on the park benches or in the men’s restroom. Meanwhile, the ruined spaces, the apocalyptic atmosphere of the remnants, and the fragile materiality of the ceramics raise a question: Are spaces like these, where queer communities find a safe space, in the process of disappearing?
Gian Marco Hölk
All exhibition views: Janis Löhrer, OUTDOOR, exhibition view, 2026, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
Courtesy of the artist and MARTINETZ, Cologne











