REBEKKA BENZENBERG
Take a Chance

Eröffnung: Samstag 02. März 2024, 14-19 PM
Ausstellung bis 13. April 2024

You know my method – Take a chance 

Umberto Eco lässt den ersten Tag seines epochemachenden Romans „Der Name der Rose“ mit der Anreise des jungen Novizen Adson von Melk Ende November 1327 in eine Benediktinerabtei im Ligurischen Apennin beginnen. Als Adlatus von William von Baskerville (!) begleitet er den Franziskanermönch, der dort auf eine Gesandtschaft des Papstes treffen wird. Bevor die beiden Reisenden bei ihrer Wanderung durch den Schnee die Abtei erreichen, treffen sie auf aufgeregt gestikulierende Mönche, die sich offenbar auf der Suche nach etwas befinden. Bei der Begrüßung demonstriert William die Scharfsinnigkeit seines Denkens, indem er ihnen ungefragt, nicht nur die Richtung des entlaufenen Pferdes weisen kann, ohne es auch nur gesehen zu haben, sondern auch den Namen und das Aussehen des Pferdes benennen kann. Auf Adsons verblüffte Frage, wie er dies alles wissen könne, antwortet ihm William: „schon während unserer ganzen Reise lehre ich dich, die Zeichen zu lesen, mit denen die Welt zu uns spricht wie ein großes Buch.“ 

Eco spielt mit dieser Episode auf die berühmte Erzählung Voltaires „Zadig ou la Destinée“ an, die erstmals 1747 veröffentlicht wurde und in der es ebenfalls um das Lesen von Zeichen und Spuren geht. So kann Zadig, ebenso wie William vom Baskerville, das Aussehen des entlaufenen Pferdes sowie der Hündin der Königin beschreiben kann, ohne sie gesehen zu haben. Während Zadig die Spuren der Hündin im Sand liest, ist es für William der Schnee, in den sich die Zeichen des geflohenen Pferdes einschreiben. 

Ecos Role Model für die Figur Williams ist darüber hinaus, wie es der Nachname seiner Hauptfigur bereits andeutet, die berühmte Detektivfigur von Conan Doyle, Sherlock Holmes, der sich im dritten Roman der Serie mit dem namensgebenden „Hund von Baskerville“ auseinandersetzen muss, von dem am Tatort riesige Fußspuren gefunden werden. 

In der Entschlüsselung der Verweise entspinnt sich zwischen den einzelnen Geschichten und Figuren für die Leser:innen eine fröhliche Zeichenkette entlang der interpretativen Handlung des Spurenlesens. Und genau dort – im Lesen und Interpretieren von Zeichen – setzt Rebekka Benzenbergs künstlerische Recherche und kreative Praxis an. Indem sie mit detektivischem Blick die Geschichte der Repräsentation von Frauen in der Bildenden Kunst oder auch zugespitzter formuliert die Kulturgeschichte der Frauenfeindlichkeit ins Visier nimmt, erforscht sie in ihren Werken die Veränderung von ikonischen Zeichen und ihrer Bedeutung anhand der Darstellung von Weiblichkeit. Sie inszeniert geradezu den Bedeutungswandel der Motive, indem sie die stark konnotierten Zeichen in neue historische und gesellschaftliche Kontexte setzt und damit auch neue Betrachtungen herausfordert, die die vorherigen Interpretationen nicht beiseiteschieben, sondern als aktives Potential für die Bedeutungsgenerierung nutzen, um so revolutionäre Lust der Bedeutungsumkehr sichtbar werden zu lassen. So artikuliert sich im Sujet ihrer Werke ein Machtdiskurs mittels geschlechtsspezifischer Zeichen, die sich einerseits mit der (diffamierenden) Repräsentation und Darstellung von Weiblichkeit beschäftigen – wie beispielsweise in der Auseinandersetzung von Rebekka Benzenberg mit den Hexenmasken der Karnevalstradition – und andererseits aber auch eine Form des weiblichen Empowerments aufscheinen lassen. Die im städtischen Außenraum abgeformten weiblichen Figuren, die die Künstlerin dann in Form verchromter und von Aluminiumgestellen gehaltener Figurationen in den Ausstellungsraum bringt, hinterfragen tief verwurzelte Machtfantasien, indem sie zeigen, dass die von zumeist männlichem Blick gestalteten Formen der weiblichen Darstellung zumeist auf wenige mythologische oder biblische Rollen – Maria, Flora, Nixe, Fortuna… – simplifiziert und verzerrt sind. In ihrer Konzentration auf die weiblichen Figuren, die allein sie abformt, auch wenn die Skulptur weitere Personen oder Elemente umfasst, thematisiert sie eine zugleich Auswahlentscheidung. Zunächst hebt sie die prägende männliche Perspektive auf die Darstellung von Frauen in gesellschaftlichen Stadtkontexten hervor, die eine Form der Manipulation des Blicks auf den weiblichen Körper in den Monumenten konkretisiert. Dann aber in einem zweiten Schritt ist es auch ihre Entscheidung, allein die weibliche Figur abzuformen und entsprechend neu zu inszenieren und damit auf die Dringlichkeit von Gendergerechtigkeit und individuellem Empowerment in der heutigen Gesellschaft hinzuweisen. 

So wird die Beziehung der ikonischen Zeichen zum historischen Kontext, der immer auch Wandlungen unterliegen kann, sichtbar. Die „Venus vor dem Spiegel“ („La Venus del Espejo“ / oder auch später die „Rokeby Venus“) von Diego Velazquez aus den Jahren 1647 – 1651, die zum Motiv der Ruß-/Brandbilder von Rebekka Benzenberg wird, ist ein solch ikonisch aufgeladenes Zeichen. Velazquez präsentiert die mythologische Figur nackt, ausgestreckt mit dem Rücken zu den Betrachter:innen liegend. 1914 wird sie Ziel eines Anschlags, als die Frauenrechtlerin Mary Richardson gegen die Verhaftung der britischen feministischen Theoretikerin und Suffragette Emmeline Pankhurst demonstrierte und dabei bewusst die „schönste Frau der mythologischen Geschichte“ zu zerstören suchte, um auf den Kampf für das Frauenwahlrecht und die Emanzipation von Frauen aufmerksam zu machen. Im Jahr 2023 wurde das Bild von Klimaaktivisten angegriffen, die sich bei ihrer Aktion explizit auf den Anschlag von 1914 bezogen. Neben den Ruß-/Brandzeichnungen, die auf Ausdrucksformen anspielen, wie sie in den WCs von Clubs oder Bars zu finden sind, taucht das Bild der Venus im Oeuvre der Künstlerin auch als Patch-Gestaltung auf der großen Jeansjacke auf, die auf einem überdimensionalen hohen Stuhlgestell liegt. Aus vielen zusammengenähten einzelnen Jacken bestehend sind die Patches Ausdruck einer Haltung und der Repräsentation von Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Organisation, so manifestieren Teil einer Bewegung zu sein. So migriert das Bild der Venus über die mythologische Darstellung zur Zielscheibe des Protestes für Frauenrechte oder Klimapolitik bis hin zum Ausdruck eines politischen Statements. 

Rebekka Benzenberg untersucht die Verschiebung von Bedeutung aber nicht nur in den Sujets ihrer Werke, sondern sie thematisiert den Wandel auch in der Wahl der Materialität. Vom ursprünglich schützenden Pelz zur Inszenierung des Pelzes als Zeichen (königlicher) Macht durchläuft das Material in unserer kulturellen Welt bereits Transformationen der Bedeutung, die wir bei unserer Betrachtung mitdenken. Ebenso wie die Assoziationen des Pelzes als erotisch aufgeladenes Bekleidungsstück von Frauen bis hin zu den Tierschutzprotestbewegungen. So prallen dann fast sinnbildlich auf einem Bauzaun montiert die unterschiedlichen Bedeutungsebenen zusammen und fordern uns als Betrachter:innen heraus. Damit erlebt auch das Material, neben den Sujets, eine radikale Neuinterpretation, die die Betrachter:innen jenseits ausgetretener Lesepfade führt. Das „Zeichen“ Pelz, das interpretiert oder gelesen werden muss, ruft in unserer Betrachtungsperspektive mehrere Geschichten auf, die zu irritierenden Veränderungen und Abweichungen seiner Bedeutung, die bis hin zur kompletten Inversion des Inhalts reichen können. 

Im künstlerischen Aufspüren und Gestalten dieser signifikanten Zeichen manifestiert sich die Methode von Rebekka Benzenberg, die sich in unterschiedlichsten Werken immer wieder auf die Suche nach Motiven und Ausprägungen der Misogynie macht, die sie dann nicht nur sichtbar macht, sondern auch transformiert. Die Betrachtenden, die die Werke „lesen“, werden mit visuellen Codes konfrontiert, deren Gültigkeit durch die Gesellschaft, die sie nutzt, bestätigt wird. Somit ist die Frage der Repräsentanz von weiblichen Körpern in urbanen Kontexten oder die Präsenz von Frauen in aktuellen Gesellschaften eine Frage der jeweiligen Codes, die unsere Welt gestalten und die die Leseweise der Betrachtenden führen. Der Ausstellungstitel „Take a Chance“, der als „riskiere etwas“ übersetzt werden kann, verweist hier nicht nur auf ein Zitat aus dem Song "What You Waiting For" von Gwen Stefani, in dem sie über das Älterwerden und die Verbindungen zwischen weiblichem Erfolg und Jugend reflektiert, sondern er fordert zugleich die Betrachter:innen zum Wagnis des eigenständigen Interpretierens der Zeichen, zum „detektivischen“ Ziehen von Schlussfolgerungen und zum aktiven Handeln auf. Als Patches auf überdimensionierten Kleidungsstücken, als Spruchbänder im Raum schreiben sich die Zeichen auf Körper und in den Raum ein, es liegt an uns ihnen eine neue, gesellschaftsverändernde Bedeutung zu geben. Rebekka Benzenbergs „Take a Chance“ ist hierfür Anlass genug. 

Stefanie Kreuzer 

Opening hours:
Wednesday - Friday 1-6 PM
Saturday 12-4 PM
and by appointment

Contact:
Petra Martinetz
Moltkestr. 81
50674 Cologne

[mail@]petramartinetz.de

+49 221 5679432

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